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Zwischen Homeoffice, KI und Pflege: NRW diskutiert die Zukunft der Arbeit

Recap der NRW-Veranstaltung zur Studie „Neue Arbeit": Wissenschaft, Gewerkschaft, Arbeitgeber und Politik über KI, Weiterbildung, Pflege und die Gestaltung des Wandels.

Von Die SOLANIUS-Redaktion · 2026-04-17

Homeoffice, Plattformarbeit, KI in der Produktion: Die Arbeitswelt verändert sich – und das nicht langsam. Das NRW-Arbeitsministerium hat das zum Anlass genommen, eine umfangreiche Studie in Auftrag zu geben. Bei der Vorstellungsveranstaltung saßen Wissenschaft, Gewerkschaft, Arbeitgeber und Politik an einem Tisch. Wir haben zugehört – und für uns war dabei natürlich besonders spannend, welche neuen Erkenntnisse zu den Themen Weiterbildung und KI auf den Tisch kamen.

Die Studie: NRW unter der Lupe

Den Einstieg machte Alice Greschkow, Projektleiterin der Studie, die seit 2023 im Auftrag des Ministeriums entstanden ist. Mit drei Publikumsfragen startete sie direkt: Wer hat gemerkt, dass sich die Arbeitswelt seit 2018 verändert hat? Wer nutzt bereits generative KI? Wer hat sich zuletzt weitergebildet? Fast alle Hände gingen hoch – und damit war klar: Das Thema ist längst in der Mitte angekommen.

Die Studie beleuchtet fünf Schwerpunkte: Solo-Selbstständigkeit, Plattformarbeit, mobile Arbeit, Digitalisierung in Produktion und Fertigung sowie künstliche Intelligenz. Greschkows Fazit zur KI-Stimmung in der Praxis war nüchtern und ehrlich: Die Haltung bewege sich irgendwo zwischen Pragmatismus und Hype – Produktivität werde erwartet, aber das Messbare sei gegenwärtig noch nicht unbedingt vorhanden. Überraschend dabei: Bereits über die Hälfte der Beschäftigten nutze KI auf dem Smartphone oder im Browser – oft ohne, dass Führungskräfte davon wussten. Ein Phänomen, das sie als „Schatten-KI" beschrieb.

Deutlicher wurde Greschkow bei der Frage, was echte Produktivitätsgewinne durch KI ausmache. Oberflächliche Nutzung – etwa eine E-Mail vorschreiben lassen – reiche dafür nicht. KI müsse tiefer in die eigentlichen Wertschöpfungsprozesse integriert werden, damit sich wirklich etwas verändere. Viele Betriebe bräuchten dabei noch Orientierung und Unterstützung.

Zum Thema Weiterbildung zeichnete sie ein differenziertes Bild: Die klassischen Blockschulungen über mehrere Tage seien zunehmend schwer umsetzbar – zu knappe Personaldecken, zu viele Vereinbarkeitsfragen. Stattdessen gewännen modulare, hybride und kürzere Lernformate an Attraktivität. Gleichzeitig bleibe es eine hartnäckige Herausforderung, gering qualifizierte Beschäftigte überhaupt für Weiterbildung zu erreichen und zu motivieren. Hier sehe die Studie Potenzial in digitalen und KI-gestützten Ansätzen – ohne die menschliche Begleitung dabei aus dem Blick zu verlieren.

Greschkows Gesamtfazit für NRW fiel dabei durchaus optimistisch aus: Die Diskussionskultur zwischen den Sozialpartnern sei konstruktiver und offener als in vielen anderen Bundesländern.

Die Wissenschaft: Mensch zuerst, Technologie danach

Prof. Dr. Verena Nitsch, Institutsleiterin des Instituts für Arbeitswissenschaft an der RWTH Aachen, brachte einen Gedanken ein, der nachhallte. Sie betonte, dass in der öffentlichen Debatte zu stark auf diejenigen gehört werde, die Technologien herstellten und verkaufen wollten – und zu wenig auf jene, die sie anwendeten, und noch weniger auf diejenigen, die sich mit Arbeitsgestaltung befassten. Das ist ein echter Punkt. Wer KI nur aus der Produktperspektive denkt, vergisst die Menschen, die täglich damit arbeiten sollen. Nitsch plädierte dafür, das schon in der Ausbildung von Technikentwicklerinnen und -entwicklern zu verankern: mehr Usability, mehr Bewusstsein dafür, wie Systeme im echten Arbeitsalltag ankommen.

Die Gewerkschaft: Partnerschaft und Solidarität

Thorben Albrecht brachte eine ruhige, aber bestimmte Haltung mit. Auf die Frage, was sich heute gegenüber früheren Transformationsprozessen unterscheide, sagte er, dass vor allem die Rahmenbedingungen, die Gründe und die Technologien andere seien. Zur besonderen Stärke von NRW merkte er an, dass es dem Land in Veränderungsprozessen bislang immer gelungen sei, einen Totalabsturz zu verhindern – und dass dabei die soziale Partnerschaft eine entscheidende Rolle gespielt habe. Albrecht machte auch deutlich, welche Funktion Gewerkschaften in dieser Transformation haben könnten: Sie seien Räume, in denen sich Menschen träfen und austauschten – von Angelernten bis zu IT-Ingenieuren. Solche Räume, so seine Überzeugung, bräuchten wir mehr.

Das Praxisbeispiel: Pflege neu gedacht

Einer der eindrucksvollsten Momente des Tages kam von Klaus Böckmann, Pflegedirektor bei den KnappschaftKliniken Westfalen. Sein Haus hat ein Arbeitszeitmodell entwickelt, das auf den ersten Blick wie ein Wunschkonzert klingt – und trotzdem funktioniert. Das Prinzip: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können durch eine freiwillige Gehaltsumwandlung alle Ferienzeiten in NRW komplett freibekommen. Das Ergebnis überzeugt: Viele Menschen sind in den Beruf zurückgekehrt, die sonst ferngeblieben wären. Hundert Mitarbeitende nehmen bereits teil – Tendenz steigend, Skeptiker werden weniger.

Die Arbeitgeberseite: Mut zur Realität – und Warnung vor Überregulierung

Johannes Pöttering, Hauptgeschäftsführer von Unternehmer NRW, sprach offen über die wirtschaftliche Lage. NRW verliere derzeit jeden Monat rund 200.000 Industriearbeitsplätze – gute, hochbezahlte und tarifgebundene Stellen, die aus bekannten Gründen wegbrächen. Und dennoch sei es richtig, sich mit den Themen der Studie zu beschäftigen, auch wenn man im Moment andere Sorgen habe.

Seine Botschaft an alle Beteiligten: Veränderungsprozesse partnerschaftlich angehen, ja – aber dabei auch klar bleiben, dass man den Wandel nicht einfrieren könne. Und er wurde noch konkreter: Die Chancen und Potenziale, die durch mobiles und flexibles Arbeiten, durch berufliche Weiterbildung oder die Nutzung von KI entstehen, dürfe man nicht durch Überregulierung und übertriebene staatliche Vorgaben ausbremsen oder gar konterkarieren. Ein klares Signal – gerade in einer Zeit, in der viele reflexartig nach neuen Vorschriften rufen, statt Räume für Innovation zu schaffen.

Der Minister: Transparenz als Vertrauensfrage – und ein ehrlicher Wunsch

Karl-Josef Laumann, NRW-Arbeitsminister, zog aus seiner langen Berufserfahrung einen simplen, aber wirkungsvollen Schluss: Es gehe nicht darum, den Wandel aufzuhalten, sondern darum, ihn so zu gestalten, dass die Menschen mitgenommen würden – und zwar nicht nur die Beweglichen und gut Informierten, sondern auch jene, die sich mit neuen Dingen schwerer täten. Zu der Art und Weise, wie das gelingen könne, hatte er eine klare Haltung: Transparenz sei die Voraussetzung von Vertrauen. Wer Wandel im Verborgenen einführe, verliere die Menschen. Wer sie einbeziehe, gewinne sie.

Besonders sympathisch – und ehrlich – war dabei ein Satz, der im Saal für ein Schmunzeln sorgte: Er warte eigentlich schon lange darauf, dass KI endlich auch offiziell im Ministerium zum Einsatz käme. Seine Referentinnen und Referenten hätten sie privat wahrscheinlich längst – aber bis eine Behörde das offiziell nutze, dauere es eben. Eine Selbstironie, die zeigt: Auch wer Wandel gestalten will, steckt manchmal selbst mittendrin in den Strukturen, die er verändern möchte.

Und noch ein Satz, der bei uns hängengeblieben ist: Man dürfe nie aufhören, Menschen wieder Chancen zu geben.

Was das für uns bedeutet

Bei SOLANIUS erleben wir täglich, was auf dieser Veranstaltung in großen Zügen besprochen wurde – nur im Kleinen, ganz konkret, mit echten Menschen. Die Erkenntnis, dass KI-Nutzung bereits weit verbreitet ist, aber oft oberflächlich bleibt, kennen wir aus unseren Weiterbildungen. Wer lernt, KI wirklich tief in seinen Alltag zu integrieren, gewinnt. Wer nur mal eine E-Mail vorschreiben lässt, nicht.

Die Botschaft, dass Beschäftigte früh einbezogen werden müssen – ob in der Pflege bei neuen Arbeitszeitmodellen oder im Büro bei der KI-Einführung – deckt sich mit dem, was wir als Ansatz verfolgen: kein Fachchinesisch, keine Angstmache, sondern echtes Ausprobieren auf Augenhöhe.

Und die Forderung nach Weiterbildungsformaten, die zu Menschen passen, nicht umgekehrt? Genau daran arbeiten wir.

Danke für einen Tag, der uns bestätigt hat: Die Richtung stimmt. Die Fragen, mit denen wir täglich umgehen, sind die richtigen.

Über SOLANIUS

SOLANIUS ist Bildungs- und Beratungsanbieter für KI im Ruhrgebiet. Wir qualifizieren Arbeitssuchende, Beschäftigte und Unternehmen – AZAV-zertifiziert, in Präsenz in Oberhausen. Beratung anfragen.